Kunst und Kirche

Ausstellungen im Kirchenraum

 

 

Obwohl eine starke Sehnsucht nach Religion besteht, haben viele Menschen eine dramatische Abkehr vom kirchlichen Raum vollzogen. Kann Kunst jenen visionären Zugang zu transzendenten Welten eröffnen, der ursprünglich allein dem Gottesdienst vorbehalten war? Können Künstler glaubhafte Bilder schaffen, in denen die Sehnsucht nach dem Göttlichen erkennbar wird?

 

In einer stark von Bildern geprägten und veräußerlichten Gesellschaft wird das Verhältnis zum Bild für die Kirchen zu einer Lebensfrage. Das umso mehr, weil die neuen Medientechnologien im Begriff sind, dem Bild die Vorherrschaft einzuräumen.

 

Uns hat die Tatsache alarmiert, dass sich Kirchen und Avantgarde heute weitgehend auseinandergelebt haben. Jene Kunst, die spätere Generationen einmal als den gültigen Ausdruck christlichen Bewusstseins in unserer zeitgenössischen Kulturlandschaft erkennen werden, findet heute außerhalb der Kirchen statt.

 

Die Tatsache dieses dialoglosen Nebeneinanders hatte bereits im 20. Jahrhundert Tradition. Weder Kandinsky noch Jawlensky, weder Beckmann noch Nolde haben Eingang in unsere Kirchen gefunden. (Das Werk von Ernst Barlach bildet eine große und seltene Ausnahme.) Damals wie heute mangelt es vielfach an Mut, sich der Herausforderung der Kunst zu stellen. Denn hier herrscht die Subjektivität, dominiert die Suche nach dem Ausdruck der persönlichen, unmittelbaren Erfahrung. Ihre Umsetzung ins Bild und die Folgerungen, die aus ihr gezogen werden, sind nicht selten radikal, wirken schockierend, provokativ und aufrüttelnd bis hin an die Grenze des Erträglichen. Und trotzdem dokumentiert diese Kunst oft die Suche nach einer persönlichen Gotteserfahrung.

 

Die Kunstausstellungen der Ernst Barlach Gesellschaft im kirchlichen Raum versuchen den Herausforderungscharakter der zeitgenössischen Kunst deutlich zu machen und schlaglichtartig jene geschichtlichen Etappen aufzuzeigen, die zum heutigen Verhältnis von Kunst und Kirche geführt haben. Weitere Themen sind den aktuell schwierigen Beziehungen zwischen Kunst und Kirchen sowie einer möglichen neuen Theologie des Bildes gewidmet.

 

Mit unseren Kunstausstellungen versuchen wir das Verhältnis von Kunst und Kirche neu zu ordnen. Nur wenn diese Aufgabe gelöst wird, kann es möglich sein, dass der christliche Gedanke wenigstens einen Teil jener kulturschöpferischen Führungsposition zurückgewinnt, die es ihm früher erlaubte, das kulturelle und gesellschaftliche Leben ganzer Epochen zu bestimmen. Heute geht es längst nicht mehr nur um Vorherrschaft, sondern lediglich um die Fähigkeit einer inneren Erneuerung. Ohne sie werden die Kirchen weiterhin nur auf äußere, fremde Entwicklungen reagieren, anstatt selbst aktiv in schöpferischer Eigeninitiative an die Öffentlichkeit zu treten.

 

Heute bringt die Ernst Barlach Gesellschaft Kunst in jenen Raum zurück, in dem der Mensch, anders als im Museum, ganz mit sich selbst eins sein kann und sich zugleich vor einem Anderen zu begreifen vermag.

Ausstellungen unter dem Motto "Kunst und Kirche" finden ausschließlich in Kirchen statt, in Räumen, die geweiht und der Andacht gewidmet sind. Damit entspricht unsere Ausstellungsarbeit in Kirchenräumen dem Anliegen beider christlichen Konfessionen, sich neu und verstärkt kulturellen und künstlerischen Fragen zu öffnen. Zugleich greift sie aber auch jene Sehnsucht nach dem Religiösen auf, die sich jenseits oder am Rande der institutionalisierten Kirchen entfaltet hat. Die Frage, ob mit solchen Ausstellungen der Graben, der sich über hunderte von Jahren zwischen Altar und Museum geöffnet hat, überwunden werden kann, darf jedoch nicht nur von Künstlern, Kunsthistorikern und Theologen, sondern sie muss von den Besuchern unserer Ausstellungen beantwortet werden.

©  2016 Ernst Barlach Gesellschaft Hamburg e.V. Mühlenstraße. 1, 22880 Wedel                                                                                                                                Anfahrt Kontakt  |  Impressum  |  Sitemap