Die Ernst Barlach Gesellschaft als Herausgeber

der literarischen Werke Ernst Barlachs

 

Ernst Barlachs dichterisches Werk

 

Im Rahmen einer Kritischen Ausgabe sämtlicher Dramen, mit denen Ernst Barlach als einer der großen deutschsprachigen Dichter des frühen 20. Jahrhunderts gewürdigt wird, hat Ulrich Bubrowski editorische Maßstäbe gesetzt. Die von ihm herausgegebenen drei Dramen-Bände geben umfassenden Einblicke in Barlachs dramatisches Schaffen. Die Texte: "Der tote Tag", "Der arme Vetter", Die echten Sedemunds", "Der Findling", "Die Sündflut", "Der blaue Boll", "Die gute Zeit" und "Der Graf von Ratzeburg" werden von Ulrich Bubrowski erstmals in einer von Entstellungen oder bewussten Fremdeingriffen gereinigten Version präsentiert.  Die Ausgabe enthält ein bisher etwa zur Hälfte unerschlossenes Material.

 

"Der Wert dieser Ausgabe besteht vor allem darin", schreibt Thomas Anz im Rezensionsforum Literaturkritik.de "dass sie erhellende Einsichten in den Entstehungsprozess dieser Werke bietet. Wie Barlach erste Einfälle zu seinen Dramenprojekten notiert, wie er Momente einer Handlung skizziert, umfangreichere Dialogpartien niederschreibt, wie sich aus vagen Vorstellungen und Assoziationsketten, immer wieder neu umkreisten Motiven erste Strukturierungsversuche herausbilden, wie dann eine vorläufige Niederschrift und später eine Reinschrift erfolgt, in welchen Passagen das Schriftbild Stockungen, in welchen es ein beschleunigtes Tempo des Schreibflusses anzeigt - das alles beschreibt und dokumentiert der Herausgeber mit detektivischer Akribie." Nachdem die Edition des dramtischen Werkes abgeschlossen war, hat die Ernst Barlach Gesellschaft in Zusammenarbeit mit Ulrich Bubrowski die Herausgabe der gesamten Prosa, also des umfangreichen autobiographischen Werkes, der Romane, der Essays und kleinen Schriften in Angriff genommen.

Auch die Edition der Prosa ist geleitet von den Prinzipien Genauigkeit, Vollständigkeit, Übersichtlichkeit und Handlichkeit. Sie versteht sich als Grundlagenarbeit und sichert die nachgelassenen Texte Barlachs erstmals authentisch. Sie wird alle bisherigen Gesamt- und Einzelausgaben aufheben. Die Edition präsentiert das gesamte Prosawerk Ernst Barlachs, und zwar – anders als alle bisherigen Ausgaben – in jeweils unentstellter, ungekürzter Form als kritische Ausgabe. Sie enthält damit auch erstmals wesentliche, bisher unveröffentlichte Texte.

 

Das Kriterium ‚kritische Ausgabe’ erfordert absoluten Respekt vor der Überlieferung – bis zu jedem Einzelbuchstaben und Satzzeichen hin. Die Eigenart des Autors soll jenseits heutiger Schreib- und Stilmoden zur Geltung gebracht werden. Ein Zurechtstutzen der Texte unterbleibt grundsätzlich. Fragmentarisches tritt folglich aus solches in Erscheinung und wird nicht durch vielfältige Manipulationen wie in der Piper-Ausgabe häufig der Fall – als Abgerundetes präsentiert. Jedem Band ist ein kompakter Materialteil beigegeben, der nicht nur Klirrtexte aus der jeweiligen Werkgenese, sondern auch weiterführende Hintergrunddokumente und neue Perspektiven eröffnende Quellentexte etc. bietet. Ferner enthalten sind präzise Informationen zur Entstehungsgeschichte und Datierung der Werke, zu den Handschriftenverhältnissen wie zu allen editorischen Entscheidungen.

Forschungsfeld: Barlach und Russland

 

Enst Barlach Russlandreise von 1906 ist ein hochinteressantes Forschungsfeld, das uns nicht nur zu einer ersten Ausstellung zu diesem Thema bewogen, sondern auch zu folgenden Fragen inspiriert hat:

 

Wie werden von ihm Ideen, Lebensstile und kulturelle Praktiken im Reisebericht vermittelt und vor dem Hintergrund eigener historischer Traditionen aufgenommen und umgeformt? Welche Folgen haben diese Prozesse für die Konstruktion seiner nationalen  Identität gehabt? Worin bestehen seine Möglichkeiten einer literarischen Verarbeitung von Fremdheit? Handelt es sich um Strategien der Öffnung oder um Strategien der Abgrenzung? Diesen Fragen ist die Untersuchung "einander fremd und unbewußt zu sein" anhand des aus der Handschrift neu transkribierten Reiseberichts von Ernst Barlach über seine Reise nach Russland im Jahre 1906 nachgegangen.

Forschungsfeld: Religion und Kunst

 

Die von der Forschung vielfach vage angedeutete Verbindung der Kunst Barlachs mit Religion und Mystik wurde in zwei Arbeiten von Anja Sroka und Wolfgang Tarnowski untersucht. Die Autoren fragen, inwiefern Barlachs Kunst und seine autobiographischen Äußerungen vermuten lassen, daß er die Mystik als religiöses Phänomen rezipiert hat. Das in den autobiographischen Positionen erkennbare Mystikverständnis des Künstlers zeigt, dass Barlach die Mystik als Phänomen begriff, das sein eigenes Verhältnis zur Kunst existential kennzeichnete. Verwandt zeigt sich sein Verständnis von Mystik insbesondere mit dem mittelalterlich-christlichen Phänomen, denn auch Barlach versteht unter Mystik zuallererst eine Immanenz-Transzendenz-Struktur sehnsuchtsvoller Bezogenheit.

 

Als bedeutender Unterschied ist jedoch Barlachs Distanz zum Christentum hervorzuheben, von dessen Gottesbegriff er sich deutlich abgrenzt. Doch wie ist sein religiöses Verständnis und sein Gottesverständnis zu deuten? Diesen Fragen gehen die Autoren nach.

 

 

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